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Kapitel 9: Marokko
„Marokko, sagt man, ist ein
Land der Gegensätze, ein
Einfallstor nach Afrika und
Ein Fenster nach Europa (...) ein
Ort der Begegnung und des
Dialogs zwischen den Kulturen
Und Religionen...“
Tahar Ben Jelloun
6000 km waren es ziemlich genau bis Algeciras. 10.45 Uhr ging unsere Fähre nach Ceuta, die spanische Enklave in Marokko. Dort angekommen sind wir zur Grenze geradelt und dann fing’s an, richtig Spaß zu machen. Mir war doch schon recht mulmig. Oben auf dem Hügel standen Soldaten mit Gewehren und vor und hinter uns waren überall Safari-Jeeps, ganze Gruppen, oder Marokkaner und wir mit unseren Fahrrädern.
Hinter der Grenze standen Hunderte von marokkanischen Taxis, alles alte Benz. Wir fuhren nicht gerade weit und nahmen einen „bewachten“ Campingplatz. Dort lernten wir gleich eine marokkanische Familie kennen, die uns zum marokkanischen Tee und Essen einlud. Das war also unser erster Eindruck und der war schon schön.
Tags darauf ging’s rein nach Tetouan. Na, und da haben wir uns auch gleich blöd anquatschen lassen von Abdul Nr. 2 ( alle Marokkaner hießen seltsamerweise Abdul ). Er meinte, er würde uns ein ganz billiges Hotel besorgen, genau in der Innenstadt. Na ja, nachher standen wir dann in seinem Haus, es war zwar ein schönes Haus, aber ganz nach unserem Geschmack war das nicht. So, nachts wurden wir dann regelrecht eingesperrt und morgens wurde uns das Geld aus der Tasche gezogen. Na, so viel mussten wir nun auch nicht löhnen, aber das war schon professionelle Abzockerei. In Tetouan habe ich mir auch gleich einen Teppich gekauft. Das war auch sehr geil. Nach einer langen Vorführung ging’s dann ans Verhandeln und das machte echt Spaß, allerdings ließ ich doch sehr viel Geld dort. Am Ende wurde mein ersteigerter Teppich eingepackt und mir wurde versprochen, dass er in 3 Monaten in Berlin sein würde. Er kam auch wirklich an!!! Das hatte ich eigentlich gar nicht mehr erwartet, ich dachte, die Jungs hätten mal wieder einen Touri ausgenommen. Jetzt habe ich einen wunderschönen großen Teppich aus Marokko in meinem Zimmer.
Die Medina ( Innenstadt ) von Tetouan:
„Viele Straßen sind überdacht
und bilden wahrhaftige unterirdische
Gewölbe...
Diese dunklen Gänge sind
durch Tore oder Gitter gesichert,
die Nachts verschlossen werden.
Andere Straßen sind mit Weinlauben
Bedeckt, und dieses unerwartete
Grün bewahrt eine angenehme Frische.“
Francois Hoefer,
Empiere du Maroc
Day 76, 21.08.00: Montag, wir machten uns auf und fuhren ins Rifgebirge hinein nach Chefchaouen, einer Stadt, die aus blauen und weißen Lehmhäusern besteht, wunderschön.
Chefchaouen:
„Unter runden und rötlichen
Dachziegeln spielt Chaouen
der Sonne 1000 Streiche.
Die hellen Flecke seiner
weißen und blauen, immer
frisch gestrichenen Mauern
treiben mit ihr ein Versteck
Spiel, das sich über den
ganzen Tag erstreckt; feine
Gitter, ein geheimes Kellerfenster
werfen fort bezaubernde Schatten,
und kühle, überwölbte Gänge,
die widerhallen von dem Rauschen
der Wasser, singen.
Loblieder auf Sidi Ali Ben Raschid,
den Gründer der Stadt.“
Ab jetzt schliefen wir fast nur noch in Hotels, denn die waren einfach scheiß billig. Wir zahlten immer so um die 20,- DM für eine Übernachtung im Hotel für zwei Personen. Es ging weiter nach Ouezzane und nach Volubilis, einer alten Römerkolonie.
Volubilis:
Die Gründung von Volubilis fällt noch in die vorrömische Zeit. Unter König Juba II. war die Stadt als Oulil, eine Abwandlung von oualili ( Lorbeerzweig ), Residenzstadt, dann seit Beginn der Eroberung durch die Römer Garnisonsstadt und vom 1. Jahrhundert an Sitz der Statthalter von Mauretania Tingitana. Seit dem 2. Jahrhundert gelangte die Stadt durch den Handel mit Olivenöl ( jedes vierte Haus besaß eine Presse ), Getreide und wilden Tieren für die Arenen in Rom zu Wohlstand. Unter dem Druck der Berberstämme musste die Stadt schließlich gegen Ende des 3. Jahrhundert aufgegeben werden. Dann lebten bis zum 8. Jahrhundert, als Idriss I. sie zum Islam bekehrte, christliche Berber in der Stadt. Die Gründung von Fes leitete den Niedergang ein, den das Erdbeben von 1755 vollendete. Im 19 Jahrhundert gelang es dem französischen Minister in Marokko, Tissot, die Stätte wieder aufzufinden.
Encyclopedie
Par l’image
Ja, da haben wir uns dann einmal ein echtes „Nobelhotel“ gegönnt. Das Volubilis Inn, wo übrigens auch der Herr Prinz Charles übernachtet haben soll, hatte eine Klimaanlage auf dem Zimmer. Der Pool war leer, denn es ist einfach zu teuer im Sommer. Störte uns alles nicht, wir erfreuten uns an der Klimaanlage und gingen noch ein paar teure Bier zischen, auf die wir dann allerdings von Marokkanern eingeladen wurden.
Es ging weiter nach Meknes:
Die Gründung von Melonassa ez-Zitoun, Meknes der Olivenbäume, geht in das 10. Jahrhundert zurück. Damals ließen sich die Meknassa, ein Stamm der Zenata-Berber, in der fruchtbaren Ebene des Sais nieder. Zunächst entstand an den Ufern des Oued Bou Frekrane eine Reihe von kleinen Dörfern. In den 60 Jahren des 11. Jahrhunderts gründeten dann die Almoraviden die eigentliche Stadt. Die Bollwerke, 40 km lang, aus drei Ringen bestehend, schützen die Medina. Das erste und niedrigste sollte die Reiter aufhalten; das zweite, höhere verhinderte das Eindringen der Infanteristen; dasr dritte und höchste bildete ein letztes Hindernis. Monumentale Tore durchbrechen diese wuchtige Stadtmauer, die Moulay Ismail zur Verteidigung der Stadt errichten ließ. Türme und Bastionen schaffen eine optische Auflockerung und verstärken zugleich den Schutz der Stadt.
Das Bab el-Mansour: An der Südwestseite erhebt sich das Bab Mansour el-Aleuj. Es wurde von einem christlichen Renegaten erbaut, dessen Namen es trägt: „Tor des siegreichen Abtrünnigen“. Dieses Tor, eines der schönsten Marokkos, besitzt einen Zickzackdurchgang, welcher die Angreifer daran hindern sollte, nach dem ersten Torflügel auch den zweiten zu durchbrechen. Man erzählt, dass Moulay Ismail seinen Architekten El Mansour nach der Besichtigung des Tores gefragt habe, ob er ein noch schöneres Tor bauen könne. Als dieser bejahte, hat man ihn angeblich an Ort und Stelle hingerichtet. Das Tor wurde 1732 unter der Herrschaft M. Abdallahas vollendet – scheinbar allerdings vom selben Baumeister!
In Meknes haben wir übrigens wieder auf einem Campingplatz übernachtet, der ganz nett war. Tags drauf ging’s nach Fes, wo es mir richtig dreckig ging, was sich auch nicht mehr wirklich ändern sollte. Wir gingen auch dort erst mal auf den CP, aber am zweiten Tag nahmen wir uns dann ein Hotel. Wir nahmen uns auch wieder ein Führer durch die Medina, der uns auch wieder prompt abzockte. Mit den Führern ist es sowieso so eine Sache. Fahrt hin erlebt es selbst.
Aber wir sahen schon interessante Sachen wie eine Weberei, Bäckerei und eine Art Sauna, die wir sonst sicher nicht gesehen hätten. Es hat schon Spaß gemacht, aber es kostet sehr viele Nerven.
Fes:
Ist die älteste der marokkanischen Königsstätdte, religiöse, geistige und künstlerische Metropole und ein Zentrum des Kunsthandwerks. Die Universität ist bereits vor den ältesten europäischen Hochschulen in Bologne ( 1119 ) und Paris ( 1155 ) gegründet worden und trägt maßgeblich dazu bei, dass die Stadt auch das „Athen von Afrika“ genannt wird.
„Hier sind Himmel und Erde
vereinigt in einer Umarmung -
und in jedem Haus dieses alten Viertel
bilden Säulen die vier Mauern des Hofes;
die tragen das Dach: den Himmel.“
Tahar Ben Jelloun
Oublier Fes
Im Inneren der Bollwerke und im Töpferviertel gibt es zahlreiche Brunnen und Bäder. Unter der Herrschaft von Youssef Ben Tachfine wurde das Anfang des 11. Jahrhunderts konstruierte Kanalsystem neu gestaltet. So besaßen im 12. Jahrhundert die Moscheen, Medersas und selbst die Wohnhäuser fließendes Wasser. Es bestand ein weitverzweigtes System von zum Teil offenen und zum Teil geschlossenen Leitungen. Heute macht vor allem die starke Verschmutzung die Nutzung des Wassers zu einem Problem.
Andalusier und Kairouanis: Die Legende erzählt, dass ein reicher Kairouani, der nach Fes geflohen war, nach seinem Tod seinen Töchtern ein großes Vermögen hinterließ. Die beiden Schwestern ließen je eine Moschee erbauen: Myriam die Moschee der Andalusier, Fatima die Mosche der Kairouanis.
Endlich sollte es weitergehen, obwohl es uns beiden gar nicht gut ging, Jens und ich mussten ständig auf die Toilette. Ich wollte weiter. Wir fuhren also in Richtung Azrou in die Berge, kamen aber nur bis Imouzzer Kandar. Da machten wir erst mal Party. Wir lernten eine Gruppe von Jungs kennen, so in unserem Alter und gingen abends Party machten. Es war richtig geil. Wir gingen in ein Internetcafe und trafen uns im Netz mit Thilo und Paps und Mums, und tranken Bier auf dem Campingplatz was scheiß teuer war. Wir blieben natürlich noch einen Tag länger.
Day 83; 27.08.00, Sonntag:
„Dann beginnen wir mit dem langwierigen Besteigen des mittleren Atlas, mitten durch einen alten Zedern- und Korkeichenwald, der vom Wind zerzaust ist. (...)
Nach Timhadite bildet eine weitere Hochfläche mit ihrer vollkommenen Leere eine außergewöhnliche Landschaft, deren Eigenart an Aufnahmen vom Mond erinnert. (...)
Der Boden ist von einer Vielzahl kleiner Krater durchlöchert. Einige von ihnen sind mit Regenwasser gefüllt. Man nennt sie Aguelmane was etwa „vulkanische – Schaumlöffel“ bedeutet. Der größte unter ihnen ist ein riesiger See, den steile Felswände säumen. Luftfeuchtigkeit und die in dieser Höhe fast immer vorhandenen Wolken haben an den felsigen Ufern den Wuchs schöner Bäume begünstigt, die sich nun im Wasser spiegeln und Teil einer prähistorischen Kulisse sind.“
t’Serstevens,
l’Hineraire marocain
Es ging weiter nach Azrou, einer etwas ärmeren Stadt, aber dafür konnten wir in einer Herberge übernachten, die wir für uns ganz alleine hatten. Wir aßen lecker unten beim Markt und so langsam machte es mir mächtig Spaß, ein wenig zu handeln, und ich konnte auch schon mehr genießen, ich gewöhnte mich einfach an meine Umwelt.
Es ging rauf auf 2100m, einen Pass, der es in sich hatte. Oben angekommen wurden wir erst mal auf ein leckeren marokkanischen Tee von Fossilverkäufern eingeladen. Wir sahen echte wilde Affen!!! Für mich auf jeden Fall ein Wahnsinns Erlebnis. Nachdem wir noch diesen berühmten Zedernbaum uns angeschaut hatten ging’s weiter, immer schön bergauf. Wir kamen in einen mächtigen Sandsturm und ich war dem Ende nah. Richtig nah. Auf der Suche nach einem Hotel wurden wir dann von Lahcen zu sich und seiner großen Familie nach Hause eingeladen. Wir bekamen lecker zu essen und unterhielten uns lange. Ich bekam über 39`0 Fieber und fühlte mich auch dementsprechend. Ich schwitzte alles voll, was ich hatte und die Nacht war echt ein Horror.
Wir blieben einen weiteren Tag und hatten gut Spaß. Ich ließ Lahcen und seinen Bruder Mohammed auf meinem Rad fahren und sie waren davon schwer begeistert. Außerdem lernten wir von ihnen die wichtigsten arabischen Wörter.
Weiter in Richtung Midelt ging es dann am 31.08.00. Wir fuhren aber weiter, denn es fuhr sich echt gut und wir wollten nun auch mal endlich unser Ziel erreichen. Erst mal wieder richtig schön bergauf, so dass wir glaubten, wir würden das nächste Dorf nicht vor zwei Tagen erreichen. Aber dann kam Rückenwind, und leicht bergab fuhren wir dem Sonnenuntergang fort, einfach geil. Bis ein Gewitter heranzog, dann wurden wir aber zum Glück schon wieder von nem Herren eingeladen, der an der Straße bei seinem Haus stand und rief: „reste ici“. Also fuhren wir mit den Rädern ins Haus, bekamen essen, konnten uns warm duschen und schliefen in derem Schlafzimmer. Na, wenn das keine Gastfreundschaft ist. Ich bin immer noch schwer begeistert vom Süden Marokkos, der Norden ist nicht ganz so einfach.
Es ging weiter nach Erraschidia, wo wir uns ein Hotel nahmen, aber kein Geld mehr für Essen hatten. Am Morgen gingen wir in ein Geschäft und bekamen 400,- DM mit der Visa-Kreditkarte, allerdings mussten wir dem Besitzer 100,-DM geben. Schlechter Deal, aber die Banken hatten zu und wir hatten verdammten Hunger.
Wir fuhren in die Oase „Meski“!!! Jeder der nach Marokko fährt muss dort hin. Ich habe noch nie, noch nicht einmal in Filmen annährend so eine schöne Oase gesehen. Jens ging’s sehr scheiße und so blieben wir zwei Tage, was mir nur gefiel.
Es ging weiter durch die Sandwüste auf einer von Tausenden von Pisten in Richtung Merzouga, immer den Sandbergen entgegen. Die Hitze war doch schon recht stark zu spüren, aber der abfärbende Turban half. Wir nahmen uns wieder eine Herberge und lernten dort zwei portugiesische Studenten kennen. Morgens stiefelten wir dann in die Sandwüste, um uns den Sonnenaufgang anzuschauen. Man, war das geil, und erst das Gefühl, den ganzen Weg von Berlin in die Sandwüste aus eigener Kraft gemacht zu haben. 7200 km, das war schon was.
Tags drauf nahmen wir uns einen Jeep ( Quatre Quatre ), ließen uns nach Ouarzazate fahren und schauten uns von der Wüste aus das Atlas Gebirge an, die Todra Schlucht und die Schlucht des Dades. Wahnsinn. In Ourzazate angekommen waren wir fix und fertig und waren dann froh, einen CP gefunden zu haben. Aus unsere Idee, von Ourzazate zu fliegen, wurde leider nichts, da es zwar einen internationalen Flughafen gab, der aber nur international hieß, weil dort einmal im Monat ein Flug nach Paris geht. Außerdem mussten wir feststellen, dass ein Ticket nach Deutschland scheiß teuer ist. Und so blieben wir noch ein paar Tage dort und kauften Bus-Tickets. Eins nach Marrakesh, das nächste nach Casablanca und dann eins nach Brüssel in 56 Stunden!
Marrakesh schauten wir uns auch noch ein paar Tage an und ich fand, dass dies die wirklich beeindruckendste Stadt ist. Ich war fasziniert von der Stadt. Wir nahmen uns einen Campingplatz 20 km außerhalb, wo wir die Portugiesen aus Merzouga wiedertrafen. Wir chillten also 5 Tage oder so in Marrakesh, was echt geil war. Dann ging’s nach Casablanca. Wir nahmen uns ein Hotel am Busbahnhof und schauten uns abends noch ein wenig die Stadt an. Morgens ging’s dann los nach Brüssel. Für unsere Räder mussten wir dann fast mehr Geld bezahlen als für uns selbst. Na ja, das war schon eine Horrorfahrt, man, war ich aber froh, wieder in Europa zu sein. Angekommen in Brüssel gönnten wir uns erst mal ein ordentliches Frühstück. Dann ging’s mit dem Zug weiter nach Köln, wo uns Robert, mein Freund, mit dem Auto abholte. Zusammen fuhren wir dann abends mit dem Auto nach Berlin. Ja, da war ich dann auch schon wieder. Ich weiß gar nicht mehr, an welchem Tag ich angekommen bin. Muss so um den 19.09. gewesen sein.
So, das war mein Bericht. Vieles fehlt, aber alles kann ich auch nicht erzählen. Ich hoffe, die Bilder geben Euch einen Eindruck von diesem Wahnsinns-Trip. Bis zum nächsten Report der vielleicht noch verrückteren Reise,
der bern